Kiwi Natur Pur: Farmstays und Bergwanderungen
Bericht von Martin Lehmann, Nelson College for Boys,
Januar - Juli
2006
"Neuseeland? Klar, das ist doch irgendwo da bei Australien
und bekannt für die Kiwis und die vielen Schafe."

Ich denke das ist was die meisten auf Anhieb zu Neuseeland
sagen können. Nun, da ich schon mal hier bin
habe ich mir gedacht, dass ich dann wenigstens auch
alles mal gesehen haben muss, bevor ich wieder zurück
nach Deutschland gehe. Nachdem ich die Kiwis (Frucht,
Mensch, Vogel) nun schon kennen gelernt habe, fehlte
nur noch ein richtiges “Schafserlebnis”.
Und wie kann man das besser haben als auf einer typisch
neuseeländischen Farm?
Ich bin also zu Jude Rainey, Koordiantorin für
internationale Schüler am Nelson College for
Boys, gegangen, und nur zwei Wochen später sass
ich schon zusammen mit meinem besten Kumpel hier (Taiki
– Japaner) 1½ Stunden in einem Bus Richtung
Blenheim nach Pine Valley um dort in den nächsten
drei Tagen möglichst viele neue Erfahrungen zu
sammeln.
Dort angekommen wurden wir sofort
von vier aufgeregten Schäferhunden begrüsst
und nach nur einer Minute mussten wir uns keine Gedanken
mehr machen wie wir die Klamotten sauber behalten
könnten… Auch wenn es draussen vielleicht
etwas unordentlich und dreckig aussah, war es im Haus
dafür um so schöner mit all den selbstgemachten
Holzschnitzereien. Tagsüber waren wir eigentlich
die meiste Zeit damit beschäftigt die ca. 2000
Schafe hin und her zu scheuchen und Heu für die
Kühe und Rehe zu verteilen, wobei das Schaftreiben
mit den Hunden besonders interessant war und man schon
bald völlig verschiedene Charaktere feststellen
konnte.
Besonders genossen haben wir auch die kleinen Pausen
in denen wir immer ein warmes Getränk mit frisch
gebackenem Kuchen bekamen und zur Abwechslung mal
kein Tier um einen herum gesprungen ist. Abends haben
wir die Tage mit super und ausreichendem Essen vor
dem Fernseher ausklingen lassen.
Weil die Farm schon seit Wochen von Wildschweinen
verwüstet wurde und Lloyd, der Farmer, uns auch
etwas “Action” bieten wollte, hatte er
die Idee mit Taiki und mir “Spotlighting”
zu gehen (jagen im Dunkeln mit Scheinwerfer).
Um es kurz zu machen: Wir haben zwar Schweine gesehen,
aber zu weit weg, zu klein und getroffen hat er auch
nicht. Um uns zu beweisen, dass er es auch besser
kann sind wir dann mit dem Auto auf Hasenjagd gegangen.
Taiki und ich standen mit einem mit Autobatterie betriebenen
Scheinwerfer auf der Ladefläche seines kleinen
Jeeps und per Klopfzeichen von uns wurde er auf die
Hasen aufmerksam gemacht. Das war für uns beide
eine total neue Erfahrung und hat super viel Spass
bereitet, auch wenn sich das vielleicht etwas grausam
anhört.
Nach all den tollen Erlebnissen ist
es uns Sonntag abend sehr schwer gefallen Abschied
zu nehmen, aber das war auch der Zeitpunkt wo wir
auf den Gedanken gekommen sind einfach über die
Berge zur Farm zu wandern.
Nach Wochenlanger Planerei (wobei Study Nelson auch
eine grosse Hilfe war – besonders Julia) und einigen
Hindernissen die es zu bewältigen galt war es in
der zweiten Ferienwoche endlich so weit, dass Taiki,
Sam (mein Gastvater) und ich uns vom Maitai Damm aus
auf den Weg in die Berge gemacht haben.
Inzwischen hatten wir aber schon ein
anderes Ziel, weil Sam nur drei Tage von seiner Arbeit
frei bekommen hat und er von der Pine Valley Farm
aus nicht rechtzeitig zurück nach Nelson gekommen
wäre. Den ersten Tag haben wir eher ruhig mit
ca. 5 Stunden tramping bei perfektem Wetter über
Dun Mountain zu Middy Hut angehen lassen, wobei sich
die Vegetation von der einen Seite auf die andere
plötzlich völlig gewandelt hat, und das
auf dem selben Berg. Die 6-Mann Hütte an dem
Fluss “Pelorus” hatten wir für uns
alleine und somit genügend Ruhe und Platz um
unser Abendessen zu geniessen und eine frühe
Nacht zum Erholen zu haben.
Am nächsten Tag mussten wir feststellen, dass
unser Ziel Mt. Richmond, den höchsten Berg in
der Region, zu erreichen doch etwas hoch gegriffen
war und wir nicht einmal Mt. Fell (noch vor Mt. Richmond)
erreichen konnten. Dennoch war es ein sehr schöner
und anstrengender Trip über 7 Stunden und etlichen
Höhenmetern. Nach der letzten halben Stunde im
Dunkeln waren wir froh unsere Hütte doch wieder
gefunden zu haben und völlig erschöpft in
die Schlafsäcke zu kriechen.

Der dritte Tag war zwar hauptsächlich relativ
eben, dem Fluss folgend, dafür aber wunderschön
mit vielen guten Fotogelegenheiten. Bevor es dunkel
wurde hat uns meine Gastmutter glücklicherweise
mit dem Auto gefunden und nach einer Stunde Fahrt
in Nelson wieder ausgeladen.
Insgesamt kann ich diesen Tramp wirklich nur empfehlen
und ich würde es jederzeit wieder machen, auch
wenn es im Sommer wegen längerem Tageslicht und
einigen total klaren Schwimmlöchern sicher sogar
noch schöner sein muss.
Weil Taiki und ich aber immer noch unbedingt ein
zweites mal zu der Farm wollten, sind wir nach drei
Ruhetagen eben wieder mit dem Bus nach Pine Valley
gefahren um dort unsere letzten vier Ferientage zu
geniessen. Lloyd hatte uns am Telefon schon vorgewarnt,
dass er uns auf Berge rauf scheuchen will und wir
vorsichtshalber unser Trampingzeug mitbringen sollen.
Donnerstag wurde auf der Farm eher
ruhig mit der üblichen Schafsarbeit angegangen,
wobei uns farbige Marken auf jedem einzelnen Schaf
angezeigt haben wie viele Lämmer Anfang September
geboren werden. Am zweiten Tag sind Taiki und ich
mit Lloyd und dessen Kumpel einen ganz schmalen, langen
und zum Teil vereisten Geröllweg vorbei an Lake
Chalice (entstand durch ein schweres Erdbeben) fast
bis auf den Gipfel eines unbewaldeten Berges gefahren,
wo wir uns nach der schweisstreibenden Fahrt erst
mal Tee und Kuchen genehmigt haben.
Den Tag haben wir also mehr zum Einlaufen genutzt
weil wir Samstag auf Mt. Fishtail (neben Mt. Richmond
und Mt. Fell) steigen wollten und Sonntag wieder herunter.
Samstag Mittag nach dem Ausfüttern haben wir
uns bei bewölktem Himmel aber guter Temperatur
auf den Weg zur Mt. Fishtail Hütte gemacht.
Nach nur drei Stunden, 1150 Höhenmetern
und einigen Schneefeldern sind Lloyd, Taiki und ich
eine Stunde unterhalb des Gipfels in der winzigen
vier-Mann Hütte angekommen. Überraschenderweise
war die Hütte schon voll besetzt, aber wir wurden
trotzdem freundlich mit warmen Tee hereingebeten und
irgendwie hat jedem nur 50cm Breite zum schlafen ausgereicht.
Der nächste Tag hat im Nebel begonnen aber schon
bald sind wir durch die Wolkendecke gestossen und
hatten eine herrliche Sicht in alle Richtungen. Leider
mussten wir dort auch wieder herunter, damit Lloyd
noch einige Schafe verkaufen kann, und dabei hätte
wir fast seinen eigenen Rekord mit nur zwei Stunden
geschlagen. Stolz über unsere Leistung, aber
völlig geschafft und verblüfft, dass ein
59-jähriger Mann zwei Jugendliche fast hinter
sich gelassen hätte (!!!!), mussten wir nach
einem stärkenden Abendessen schweren Herzens
wieder in den vergleichsweise langweiligen Schulalltag
zurück kehren, aber nicht ohne ein neues Vorhaben
– Schule ‘sausen lassen’ und in
ein paar Tagen beim Schafe scheren eine tatkräftige
Hand geben .
Mit diesem Bericht wollte ich nur einige meiner super
Erlebnisse hier in dem Land der “langen weissen
Wolke” zum Ausdruck bringen, um somit jedem
den es interessiert meine Begeisterung für diesen
einzigartigen Erdteil zu zeigen und vielleicht bei
dem ein oder anderen auch etwas Abenteuerlust zu wecken.
Ich kann nur sagen: ES LOHNT SICH!!!!
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